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D I G I T A L D E T O X

ABER SUCHEN WIR DIESE ABLENKUNG NICHT SELBST, WENN

WIR STÄNDIG UNSER HANDY, UNSEREN POSTEINGANG ODER

UNSER FACEBOOK-KONTO KONTROLLIEREN?

Doch, verrückterweise. Genau das tun wir.

Warum? Unser Gehirn wird süchtig nach den

Dopamin- und Adrenalinausschüttungen,

die einen Aufmerksamkeitsreiz begleiten.

Wir gehen diesen Ablenkungen nach, weil

wir einfach nicht imstande sind, das abzu-

schalten. Deshalb rate ich zum Beispiel, bei

Smartphones den automatischen Mail-Down-

load und sämtliche Push-Mitteilungen

abzuschalten. Dann sieht man nicht dauernd,

dass schon wieder ungelesene Nachrichten

da sind. Wir können nicht anders – wir wollen

dann »nur mal kurz gucken«. Daraus wird

aber meistens »ziemlich lang«. Unser Hirn ist

süchtig nach diesen Glückserlebnissen.

DIE TECHNOLOGIEN, DIE UNS SCHNELLER, PRODUKTIVER UND

FLEXIBLER MACHEN SOLLTEN, BEWIRKEN DAS GEGENTEIL?

Man lügt sich selbst in die Tasche. Fragt man

die Leute, wie oft sie pro Tag auf Facebook

gehen, dann hört man in aller Regel: Naja,

zweimal, vielleicht dreimal, immer nur für

ein paar Minuten. Schaut man sich dann die

Mediadaten von Facebook an, stellt man fest:

Die durchschnittliche Verweildauer eines

Facebook-Nutzers beträgt zwanzig Minu-

ten. Unsere Zeitwahrnehmung beim Nutzen

sozialer Netzwerke ist total verzerrt. Wenn

ich dreimal am Tag für zwanzig Minuten auf

Facebook bin, macht das schon eine Stunde.

Rechnen Sie jetzt noch die Mittagspause

dazu und ein bisschen Kaffeeklatsch hier,

ein bisschen ins Nirwana googeln da plus

die Dauerablenkung durch pseudowichtige

E-Mails oder Messenger-Nachrichten, die

»sofort« beantwortet werden müssen – und

Sie kommen auf einen beachtlichen Arbeits-

zeitverlust. Kein Wunder, dass die Leute

dann glauben, sie müssten abends und am

Wochenende nacharbeiten.

WIE LANGE BRAUCHT

MAN IM SCHNITT,

UM ZU

BEMERKEN,

DASS MAN SEINE

KREDITKARTE

VERLOREN HAT?

24 STUNDEN.

IHR TIPP LAUTET ALSO ABSCHALTEN?

Ja, Abschalten ist extrem wichtig.

Ständig wird so getan, als sei Multitasking

eine Karrieretugend. Sehen Sie sich Stel-

lenanzeigen an: Da wird nach der Krake

gesucht, die 666 Dinge auf einmal tun kann.

Das ist irr. In meinen Augen zählt es heute

zur unternehmerischen Verantwortung, den

Leuten zu sagen: Wir wollen keine ständige

Erreichbarkeit. Ständige Erreichbarkeit ist

für mich inzwischen Synonym für miserables

Zeitmanagement. Nur Sklaven sind ständig

erreichbar. Das ist ein falscher Karriere-Götze,

der gestürzt werden muss. Besser investieren

Sie in einen Funklochraum, wo Mitarbeiter

ungestört konzentriert arbeiten können.

WANN WIRD EIN UMDENKEN EINSETZEN?

Es hat längst begonnen. Die Personal-

abteilungen merken, dass es immer mehr

Krankheitstage aufgrund psychischer

Erschöpfung gibt; die Chefetagen erfahren

vom Produktivitätsverlust durch digitale

Ablenkungen am Arbeitsplatz. Verschiede-

ne Zusammenhänge, dasselbe Fazit: Dieser

Trend ist kontraproduktiv. Wir sollten die

Technik intelligent nutzen – aber wir sollten

uns dabei nicht an die Technik outsourcen.

WAS IST DAS WICHTIGSTE, DAS SIE WEGEN HANDY, WEB UND

E-MAIL VERPASST HABEN?

Das Einzige, was wir verpassen können, wenn

wir Angst haben, etwas zu verpassen – und

das ist leider das Wertvollste, was es im

Leben gibt –, ist: Leben. Aber keine Bange,

das hole ich inzwischen nach allen Regeln der

Lebenskunst nach.

WIE IST IHNEN DER AUSSTIEG GELUNGEN?

Indem ich mir Zeit genommen habe, ganz

kritisch zu hinterfragen, für welches Ziel ich

welches Medium oder Gerät einsetzen will.

Und: Indem ich dann ganz strikt die Medien

und Geräte so konfiguriert habe, dass sie

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