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D I G I T A L D E T O X

JEDES SMARTPHONE

IST NUR SO SMART WIE

SEIN BESITZER. WER

ANS TELEFON GEHT,

UM ZU SAGEN, DASS

ER NICHT DRANGEHEN

KANN, MACHT SICH

LÄCHERLICH UND

FÜHRT FORTSCHRITT

AD ABSURDUM.

DIGITALE GERÄTE SIND FÜR VIELE EIN SEGEN – FÜR SIE NICHT?

Doch. Natürlich. Ich möchte nicht ohne mein

Handy oder das Internet leben. Aber es hat

ein paar Jahre gedauert, bis ich ein ideales

Verhältnis von Distanz und Nähe entwickelt

habe. Plus: Ich musste Zeit investieren, um

den Segen auszubeuten und den Fluch aus-

zuschalten.

WIE KANN MAN DEN DIGITALEN SEGEN AUSBEUTEN?

Das Zauberwort heißt »Zeit« – das ist die

wertvollste Währung unserer aktionistischen

Sofortness-Gesellschaft, deshalb geizen wir

damit und leiden unter dem zermürbenden

Gefühl, ständig im Zeit-Minus zu sein. Dabei

ist Zeit der Schlüssel zum Segen. Jeder muss

Zeit investieren, um Zeit zu gewinnen – das

klingt paradox, aber es funktioniert.

WAS HEISST DAS KONKRET?

Sie müssen Zeit investieren, um Ihre Geräte

und Apps so zu konfigurieren, dass sie Ihnen

das bringen, wofür die digitale Innovation

angetreten ist: Zeitersparnis, viele Dinge des

Alltags und des Jobs vereinfachen, Informa-

tionen und Wissen besser managen und, ja,

Menschen zusammenbringen, Meinungen

austauschen und, wichtig, auch ganz einfach

mal Spaß haben und entspannen.

DAS KLINGT KINDERLEICHT. WO IST DER HAKEN?

Die Herausforderung besteht darin, dass

die Idiotenfunktionen der Geräte so intuitiv

zu bedienen sind, dass man völlig hirnfrei

beginnt, ein Gerät oder eine App in Betrieb

zu nehmen, und sich dann von den Medien-

möglichkeiten – und nicht vom gesunden

Menschenverstand – sagen lässt, wie man das

Gerät oder die App sinnvoll nutzt. Das führt

dazu, dass uns die Geräte im Griff haben und

die Anbieter unsere Privatsphäre und nicht

wir die Geräte und unsere Daten. Erkenntnis:

Das Betriebssystem für jede Technologie ist

nicht die Technologie selbst, sondern sein

Anwender, der Mensch. Jedes Smartphone ist

nur so smart wie sein Besitzer.

WANN HABEN SIE IHR ERSTES HANDY GEKAUFT?

1996, ein Nokia 2110. Heute ist dieser Knochen

ein Kultobjekt. Damals war man »wichtig«,

wenn man auf der Straße telefonierte – heute

ist man versklavt, ein Zombie.

VON 1998 BIS 2010 WAREN SIE ALS START-UP-MANAGERIN

ERFOLGREICH. WANN HABEN SIE GEMERKT, DASS SIE REIF SIND

FÜR EINE DIGITAL-THERAPIE?

Anfang 2009. Da habe ich Bilanz gezogen und

mit Entsetzen festgestellt, dass ich bereits

1,5 Jahre vermailt und 2,5 Jahre versurft hat-

te. Heute weiß ich, dass ich mir und meinen

damaligen Mitarbeitern viel Arbeits- und

Lebenszeit hätte sparen können, wenn ich

früher kritisch hinterfragt hätte, wie ich die

digitalen Medien nutze, wie wir kommunizie-

ren möchten und – noch wichtiger – wie nicht.

VIER JAHRE IM NETZ – WIE HABEN SIE DAS »GESCHAFFT«?

Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Ganz

einfach: Ich war der schlimmste E-Mail-Sau-

lus und der größte Informations-Junkie, den

Sie sich vorstellen können. Highspeed-

Kommunikation und Dauererreichbarkeit

habe ich immer als Notwendigkeit, als

Wettbewerbsvorteil, als Synonym für Pro-

jektmanagement und Dienstleistertugend

angesehen. Das hieß: 2do-Listen Samstag-

nacht, ständig online, auch im Urlaub und im

Morgengrauen, ständig auf Dauerrecherche,

ständig Grauzonen optimierend, ständig

kommunizierend, ständig fordernd, E-Mail

als Synonym für Produktivität und Führung

missbrauchend – das schien mir ganz normal

und mehr noch, es schien mir notwendig. Da-

runter haben meine Leute gelitten – und mei-

ne Lebensqualität. Als Tageszeitungsredak-

teurin hatte ich in den 90er-Jahren gelernt

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