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E-Mail, Handy, Web: Wir sind dauerabgelenkt

statt aufmerksam. Wir reagieren, statt zu

agieren. Wir sind überkommuniziert, aber

uninformiert. Jetzt kennen Sie die fiesesten

Fakten. Verzeihen Sie die Schwarzmalerei –

ein Tribut an die Schocktherapie.

Wie und warum ich mich nach fast 15 Ma-

nagerjahren in der Internet-Branche einer

Digital-Therapie unterzogen habe und warum

es so wichtig ist, immer wieder zu entgiften

(»Digital Detox« heißt das Medienmodewort),

beantworte ich hier. Weil mir ein Interview

mit mir selbst so schizophren scheint, wie

eigene Postings zu liken, habe ich nicht alle,

aber ein paar Fragen und Antworten aus

bereits publizierten Interviews kopiert. Da

das inzwischen eine gängige journalisitische

Praxis zu sein scheint, schäme ich mich nicht.

SIE HABEN DEN BEGRIFF »DIGITAL-THERAPIE« ERFUNDEN.

WAS IST DAS? WAS BRINGT DAS?

Eine Digital-Therapie therapiert weit verbrei-

tete Kommunikationskrankheiten. Sie hilft

Menschen und Unternehmen, den digitalen

Segen auszubeuten, für den die digitale Re-

volution angetreten ist. Ich habe den Begriff

2010 erfunden, um den Menschen mit einem

Augenzwinkern rüberzubringen, dass wir un-

ser Verhalten ändern müssen, wenn wir uns

nicht alle in den Wahnsinn treiben möchten. 

WARUM BRAUCHT MAN EINE THERAPIE, UM DEN DIGITALEN

SEGEN AUSZUBEUTEN?

Weil wir uns derzeit von den Medienmöglich-

keiten sagen lassen, wie wir die Technologien

nutzen, und nicht von unserem Menschen-

verstand. Dadurch entstehen Kommuni-

kationskrankheiten wie Handy-Hysterie,

E-Mail-Wahnsinn, Sinnlos-Surf-Syndrom

oder Facebook-Inkontinenz – die rauben

uns Lebenszeit und Erfolg, beruflich und

privat. Beispiel: Nur weil es das Handy

ermöglicht, rund um die Uhr erreichbar zu

sein, muss ich es ja nicht sein, wenn mir mein

Menschenverstand sagt, dass ich mich nicht

wie ein Notarzt verhalten muss, weil ich gar

kein Notarzt bin. Das heißt: Ich sollte auch

nicht ans Telefon gehen, um zu sagen, dass

ich gerade gar nicht ans Telefon gehen kann,

weil ich z. B. in einer Besprechung bin. Das ist

albern.

Oder: Nur weil es medienmöglich ist, auf

Facebook öffentlich Tagebuch zu führen und

seinen inneren Gedankenstrom in Form eines

Live-Tickers zu veröffentlichen, muss ich das

ja nicht tun, wenn mir mein Menschenver-

stand sagt, dass die Veröffentlichung meiner

Privatsphäre meiner Reputation schadet.

Aus unternehmerischer Sicht: Nur weil es

scheinbar nichts kostet, eine Fanpage anzu-

legen (in Wirklichkeit kostet es viel, nämlich

Zeit, Ressourcen und im schlechtesten Fall

Reputation), muss ich das nicht tun, wenn mir

meine strategische Weitsicht sagt, dass ich

keine Ressourcen für einen weiteren PR-Kanal

habe und die Facebook-Seite nur Zeit kostet,

aber nicht messbar mehr Umsatz bringt. 

68 PROZENT DER HANDYBESITZER LEIDEN AN EINGEBILDETEM

VIBRATIONSALARM. JEDER ZWEITE NIMMT DAS HANDY MIT

INS BETT. WARUM LASSEN WIR UNS SO BEREITWILLIG VON

MASCHINEN BESTIMMEN?

Weil wir die Gebrauchsanleitung nicht lesen.

Weil wir zu faul sind, die Geräte zu konfigu-

rieren, und deshalb immer nur die Idioten-

funktionen nutzen. Weil wir versuchen,

schneller als die Maschinen zu sein, und des-

halb keine Zeit mehr haben. Warum haben

wir keine Zeit mehr? Weil wir sie uns nicht

nehmen. Nehmen Sie sich Zeit, Ihre Geräte zu

konfigurieren. Schlauen Sie sich auf. Wie das?

Durch die erweiterte Google-Suche oder mit

YouTube-Tutorials – das verstehe ich unter

Sinnvoll-Surfen.

D I G I T A L D E T O X

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